Spoilerfrei durch die Rezension – Avengers: Endgame

22 Spielfilme. Kein cinematisches Universum kann mit dieser Masse an bewegten Bildern mithalten, weder Der Herr der Ringe (inkl. der Hobbit Trilogie), die Star Wars-Saga oder die Wizarding World um Harry Potter. Nur zusammen könnten sie das MCU („Marvel Cinematic Universe“) bzgl. der Spielfilmzahl mit 24 Filmen schlagen. Quantität ist jedoch bekannterweise kein geeignetes Substitut für Qualität. Spoilerfrei könnt ihr hier nachlesen, ob letzteres gelitten hat oder auch der 22iste Film in einem Universum, das wohl nie enden wird, noch sehenswert ist. Um den Spaß am Film nicht zu verderben, wird die Rezension diesmal ein wenig kürzer, denn diese fiesen Spoiler stecken hier leider in jeder Kameraeinstellung.

Marvel Studios‘ AVENGERS: ENDGAME..L to R: Hawkeye/Clint Barton (Jeremy Renner), War Machine/James Rhodes (Don Cheadle), Ant-Man/Scott Lang (Paul Rudd), Rocket (voiced by Bradley Cooper), Black Widow/Natasha Romanoff (Scarlet Johansson), Thor (Chris Hemsworth) and Captain America/Steve Rogers (Chris Evans)..Photo: Film Frame..©Marvel Studios 2019

Handlung

„Wer war nochmal alles am Leben?“. „Muss ich das Raumschiff kennen oder wird das gerade erst vorgestellt?“. „Ach, hatten die nochmal ein gutes Verhältnis oder konnten sie sich nicht leiden?“. Wer vermeiden möchte, sich solche Fragen stellen zu müssen, sollte am besten vor dem Kinostart seine Hausaufgaben gründlich machen und sich auf jeden Fall folgende Filme zu Gemüte führen:

  • Captain Marvel
  • Ant-Man and The Wasp
  • Avengers: Infinity War (Pflichtlektüre)
  • Black Panther
  • Thor: Tag der Entscheidung
  • Doctor Strange
  • Marvel’s The Avengers

Avengers: Endgame nimmt sich, lobenswerterweise, keine Sekunde, dem unwissenden Zuschauer auf die Sprünge zu helfen; trotz der vollen drei Stunden Spielfilmlänge. Die Handlung setzt direkt an Avengers: Infinity War an und zeigt wie unsere (noch lebenden) Helden mit ihrer Trauer umgehen. Gestorben ist dabei im letzten Avengers nicht nur die Hälfte aller Lebewesen, sondern auch der typische Marvel Humor. Zwar ist der ein oder andere Witz unter einem Berg von Trostlosigkeit zu entdecken, jedoch keineswegs in einer Fülle, wie wir sie gewohnt waren. Um diese Trauer auch im Zuschauer zu wecken, ist dies auch notwendig.

Marvel Studios‘ AVENGERS: ENDGAME..Tony Stark/Iron Man (Robert Downey Jr.)..Photo: Film Frame..©Marvel Studios 2019

Trotz Anknüpfung an Avengers: Infinity War können beide Filme als einzelnes, in sich abgeschlossenes Werk nebeneinanderstehen, wie von Produzent Kevin Feige beabsichtig. Etwas, was man von den letzten Hunger Games, Harry Potter und Twilight Filme nicht behaupten könnte. Ein fast solides Drehbuch führt den eingeschlagenen Weg der heißgeliebten Superhelden stringent und nachvollziehbar zu Ende, während es gleichzeitig den Weg für eine neue Generation von Avengers ebnet. Dennoch leidet die Handlung massiv unter Handlungslücken und Logikbrüchen, deren Vermeidung man einem Film mit einem Budget von fast einer halben Milliarde Dollar und gleich zwei Drehbuchautoren (Christopher Markus und Stephen McFeely) definitiv zumuten darf. Die emotionale Achterbahn, auf welche die Handlung einen mitnimmt, sollte den Fokus der Zuschauer von diesen ablenken. Weiter kann über den Plot kaum geschrieben werden, ohne einen Kinobesuch obsolet zu machen.

Abschließend ist zur Handlung zu sagen, dass diejenigen, die das überlange Ende des Films Herr der Ringe: Rückkehr des Königs, genießen konnten, auch hier nicht enttäuscht werden. Leider falle ich nicht in diese Kategorie.

Marvel Studios‘ AVENGERS: ENDGAME..Hawkeye/Clint Barton (Jeremy Renner)..Photo: Film Frame..©Marvel Studios 2019

Kinematographie

Trent Opaloch (Distric 9, Chappie) kennt den Weg zum emotionalen Kino: Nahaufnahmen. Überall Nahaufnahmen. Immerhin durften die Darsteller dadurch zeigen, was sie schauspielerisch auf dem Kasten haben. Nachdem die meisten von ihnen lediglich hinter CGI Masken und im Nebel des Krieges zu sehen waren, bot dies eine willkommene Abwechslung.

Marvel Studios‘ AVENGERS: ENDGAME..L to R: War Machine (Don Cheadle) and Ant-Man (Paul Rudd)..Photo: Film Frame..©Marvel Studios 2019

Regie

Dunkelheit und hohe Kontraste. Fast hätte man vermutet, dass nicht die Russo Brüder Anthony und Joe Regie führen, sondern Zack Snyder (Man of Steel). Dennoch, bei allen Bemühungen, fiel es mir schwer, die gewünschten Emotionen auch zu zeigen. Zu oft – entschuldigt den weiteren Herr der Ringe-Vergleich – wurden für die Avengers in der Vergangenheit im letzten Moment Gandalfs rettende Adler gerufen, als dass der Zuschauer die Hoffnungslosigkeit allzu ernst nehmen könnte. Ein, zwei Tränen oder einen dicken Kloß im Hals wird es schon geben, aber Luft nach oben gibt es im Punkto Stimmung definitiv. Als Tipp kann ich nur empfehlen, sich selbst ein paar kreative Grenzen zu setzen: Warum nicht das Nachspiel des Avengers: Infinity War durch die fünf Stadien der Trauer erzählen? Einen größeren Fokus auf den Kern der Geschichtserzählung und weniger auf die technischen Möglichkeiten ihrer Visualisierung hätte der Regie bestimmt gutgetan.

Musik

Wieso schafft es Game of Thrones in einer zwei-Minuten-Szene besser, einen einprägsamen Soundtrack zu kreieren (z.B. „Jenny of Oldstone“) als das komplette MCU zusammen? Es kann doch nicht sein, dass jedem bei der bloßen Erwähnung von Harry Potter, Fluch der Karibik oder Star Wars sofort eine vertraute Melodie im Kopf ertönt und Marvel dies nie geschafft hat.

Marvel Studios‘ AVENGERS: ENDGAME..Photo: Film Frame..©Marvel Studios 2019

Fazit

Der Film ist passabel bis gut. Pflichtprogramm für alle, die nicht glauben können, dass auch eine Superheldengeschichte einmal ihr Ende finden muss. Vielleicht würde ich den Film sogar für sehr sehenswert erachten, wenn da dieses ungenutzte Potenzial nicht wäre. Zu naheliegend ist der Vergleich zu der achten Staffel von Game of Thrones; in beiden Welten rotten sich nach sehr langer Aufbauphase sehr sehr viele Charaktere zusammen, um dem „Ende“ entgegenzutreten. Doch anders als in Avengers: Endgame schafft es Game of Thrones, in mir tatsächlich Sorge um die Charaktere und das Wohl der Welt zu erregen. Vielleicht, weil es dort weniger Adler gibt, die den Helden vor dem bitteren Ende bewahren.

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