Avengers: Infinity War – Spoilerfrei durch die Rezension

Ängstlich und allein setzt Avengers: Infinity War den Zuschauer im Weltraum ab. Und dann wird alles schlimmer.

18 Filme umfasste das Marvel Cinematic Universe (MCU) bis zur Premiere von Avengers: Infinity War. Fast zehn Jahre lang warten Fans nun schon darauf, dass Titan Thanos nun selbst Jagd auf die Infinity-Steine macht.

© Marvel

Die Idee, alle existierenden Charaktere in einem Film zu vereinen, ist für viele Fans Traum und Alptraum zugleich. Die Vorfreude auf die Interaktion zwischen den Lieblingshelden geht einher mit der Angst, dass das Crossover missglückt und enttäuscht. Dennoch wagten sich die Brüder Joe und Anthony Russo (Ant-Man, Captain America: Winter Soldier & Civil War) Anfang 2016 in Atlanta an das Projekt; wohlwissend, welches Gewicht auf ihre Schultern lastet. 300-400 Millionen U.S. Dollar später wurde der Film mir nun von unseren Freunden bei Disney gestern (24.04.2018) präsentiert. Als Mann mit Herz habe ich mich bis jetzt noch nicht davon erholen können. Wie im Titel versprochen behalte ich alle bösen Spoiler für mich.

Handlung

Marvel, als Filmstudio des klassischen (Super)Helden, vertraute bislang auf den Gebrauch einer Erzählstruktur mit drei Akten: „Vorbereitung, Konfrontation, Resolution“. Diese klare Aufteilung zu erkennen dürfte im Plot des neuesten Action-Dramas wesentlich schwerer fallen. Mein bester Versuch: „Konfrontation gefolgt von mehr Konfrontation“.

Der Film setzt seinen tiefen Ton zu Beginn durch das fast tonlose Marvel Intro. Statt des üblichen Soundtracks ist nur ein Hilferuf aus dem All zu vernehmen, der der zunächst verspürten Vorfreude auf den Superheldenfilm schnell Einheit gebietet. Spätestens hier merkt jeder Marvel-Fan, dass dieser Teil der Serie anders, dunkler sein wird. Und tatsächlich wird das anfängliche Thema der Frustration, Trauer und Hoffnungslosigkeit bis zum wortwörtlich bitteren Ende durchgehalten.

Das Intro knüpft fast Frame an Frame an die Szene nach dem Abspann nach Thor: Ragnarok an, bei dem hoffentlich alle lang genug im Saal sitzen geblieben sind. Generell muss man schon eine gute Portion der Filme des MCU gesehen haben, um der Handlung ansatzweise folgen zu können.

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Dass Thanos der große böse Bösewicht in unserer finalen(?) Schlacht ist, dürfte jedem bewusst sein. Auch, dass er die Infinity-Steine ausfindig machen möchte, dürfte nach 18 Filmen Schnitzeljagd ein offenes Geheimnis sein. Nur seine intrinsische Motivation war bisher unbekannt und wird durch saubere Schnitte und Flashbacks gut dargelegt. Überraschend ist, dass Thanos als Antagonist tatsächlich die meiste Drehzeit genießt, was für einen Superheldenfilm gänzlich ungewöhnlich ist. Dadurch entwickelt er sich zu einem nachvollziehbaren, dreidimensionalen Charakter und der Zuschauer ertappt sich dabei, auf seiner Seite zu stehen. Diese Entscheidung der Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely (Darf man mit dem Nachnahmen McFeely irgendetwas anderes werden als Autor?), einen verständlichen und nicht nur wesensgetriebenen Antagonisten zu kreieren, macht Thanos fraglos zum besten Gegenspieler des MCU. Nur an der regellosen Kraft, die ihm und seinen Lakaien auch ohne Steine innewohnt, hätten sie ruhig runterschrauben dürfen. Hoffnungen zum Sieg, die sich die Zuschauer für ihre Lieblingshelden machen, dürften dadurch schnell im Keim erstickt werden. Das Publikum stumpft durch ständige Niederlagen schnell ab, sodass gewollte Klimaxe eher anti-klimatisch wirken. Selbst der traditionelle, aber seltene Bathos/Spiel-und-Spaß-Faktor wird im Angesicht von Thanos‘ Fäusten immer von unbehaglichem Bauchweh begleitet.

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Die lange Drehzeit für den lila Riesen führen dazu, dass sich die anderen gefühlt 200 Helden die Restfilmzeit teilen müssen. Zwar schaffen sie es durch den einen oder anderen Witz den Zuschauer an ihre Existenz zu erinnern, für eine ernsthafte Charakterentwicklung bleibt jedoch einfach nicht genug Spielfilm übrig. Glücklicherweise legten viele Helden in vergangene Filmen ein solides Fundament, auf das sich Infinity War nun stützen kann. So beispielsweise die Dynamik zwischen Tony Stark (Robert Downey Jr.) und Peter Parker (Tom Holland) die durch Spiderman: Homecoming hinreichend ausgereift wurde und auf die nun zurückgegriffen werden kann.

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Leider kann über die Handlung nicht mehr verraten werden, ohne diese vorwegzunehmen. Nicht zu viel gesagt ist jedoch noch folgendes: der Name des Films ist mehr als Programm. Wer sich tiefe, klärende Gespräche nach der Spaltung der Avengers in Civil-War gewünscht hat, wird in diesem Kriegsfilm leider leer ausgehen. Tatsächlich bleibt neben dem Fliegen von Fäusten aller Art wenig Zeit für Nebenhandlungen. Oder besser gesagt: Die geringe Zeit, die man gehabt hätte, um solche klärenden Gespräche zu führen, wurde in eine Spritztour von Thor (Chris Hemsworth), Rocket (Bradley Cooper) und Groot (Vin Diesel) investiert. Szenen, denen durch die zeitgleichen Kämpfe auf anderen Planenten recht wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Dafür wirken die Kämpfe auch nach fast 20 Filmen immer noch innovativ und sauber. Insbesondere die neuen Konstellationen von Teilnehmern erzeugen Vorfreude an die kommende Szene. Erfreulich sind insbesondere die rein weiblichen Schlagabtausche, die problemlos die Kriegsversion des Bechdel-Tests passieren würden.

Zu Gute muss dem Film auch definitiv das mutige Ende gehalten werden. Sehr schön ist, dass die Russos dadurch ihr Versprechen einhalten, dass Infinity War sich nicht wie ein Zweiteiler anfühlen werde. Und tatsächlich könnte die Geschichte hier auch enden. Nur leider wurde nach 18 Marvel Filmen des Überlebens mein Vertrauen in den finalen Tod eines Charakters geschwächt, weshalb ich die intendierte Trauer nur milde verspürte.

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Fazit

Als Pandora ihre Büchse öffnete, entwich alles Übel, das jeher die Menschen plagt. Arbeit, Krankheit, Trauer, Tod. Doch als die Büchse wieder geschlossen wurde, gelang es nur der Hoffnung nicht, die Menschheit zu erreichen. Offensichtlich hat jemand vergessen, Pandora und den Regisseuren Anthony und Joe Russo gegenüber zu erwähnen, dass sie die Büchse ruhig ein zweites Mal öffnen dürfen, um die Hoffnung herauszulassen. Denn ähnlich wie in Pandoras Mythos ist auch der neunzehnte Film des MCU voller Laster und Übel und vor allem anderen eine hoffnungslose Welt. Der neue Avengers wird für Fans trotz des in vielen Stellen ungenutzten Potenzials eine willkommene Abwechslung zu der Altbekannten Marvel-Formel sein. Um das meiste aus dem Film holen zu können, rate ich zumindest Captain America: Civil War sowie Thor: Ragnarok gesehen zu haben.

Danke an Dani für die ausführliche Rezension!

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