Spoilerfrei durch die Rezension: Die Unglaublichen 2

Disclaimer: Es wird nicht mehr verraten als im ersten Trailer.

So endete, als ich acht Jahre alt war, der Animationsfilm Die Unglaublichen (2004). 14 Jahre später löst Brad Bird (Ratatouille) den Cliffhanger nun endlich mit seinem neuen Film Die Unglaublichen 2 (Originaltitel: The Incredibles 2) auf. Wieder beweist Pixar, dass es mehr kann als durch häufige Filmveröffentlichungen Geld zu drucken. Das kleine Animations- und Produktionsteam in Emeryville, Kalifornien kann es sich leisten, dem Leistungsdruck Hollywoods entgegen zu wirken und nach den eigenen Spielregeln zu produzieren.

„Es gab keine Pistole an meinem Kopf. […] Sie meinten, (ich habe Zeit) bis ich bereit bin“

-Brad Bird

So beantworten der Regisseur und Pixar die Frage, wie lange es dauert, um einen würdigen Nachfolger für ein Original zu drehen, mit: 14 Jahre.

SUPER FAMILY — In Disney Pixar’s “Incredibles 2,” Helen (voice of Holly Hunter) is in the spotlight, while Bob (voice of Craig T. Nelson) navigates the day-to-day heroics of “normal” life at home when a new villain hatches a brilliant and dangerous plot that only the Incredibles can overcome together. Also featuring the voices of Sarah Vowell as Violet and Huck Milner as Dash, “Incredibles 2” opens in U.S. theaters on June 15, 2018. ©2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Handlung

Die unglaubliche Parr-Familie eröffnet den Film mit einer schnellen Auflösung des Tunnelgräberproblems. Zügig wird nach einer kurzen Festnahme unserer Helden der wahre Antagonist des Films enthüllt: Das Gesetz. Das Superheldendasein ist immer noch verboten. Zusammen mit den zwei Medienunternehmern Winston und Evelyn Deavor (Bob Odenkirk,Catherine Keener), Familienfreund Frozone (Samuel L. Jackson) und „Tante“ Edna (Brad Bird) ist es nun Aufgabe der Unglaublichen, etwas an diesem Missstand zu ändern. Diesmal mit Mutter Helen Parr (Holly Hunter) im Feld und Vater Bob Parr (Craig T. Nelson) zu Hause. Doch wie so oft steht einer liberalen Gesetzesreform eines entgegen: ein Bösewicht. Zu Ungunsten der Protagonisten verfügt dieser selbst über einen filmreifen Plan, um den Status Quo beizubehalten.

Thematik

Es ist kein Geheimnis, dass Hollywood in den vergangenen Jahren durch progressive Inhalte nebenbei zum mündigen Bürger erzieht. So konnte auch Bird es sich nicht verkneifen, unsere Jüngsten früh auf die richtige Bahn zu lenken. Frühwarnsystem für Engstirnige, die ihre Kinder vor einer gelungenen Erziehung schützen wollen, soll die folgende Aufzählung der angeschnittenen Themen sein.

Ziviler Ungehorsam

Dass Superhelden noch illegal sind, scheint insbesondere nach den Ereignissen des ersten Films alles andere als gerechtfertigt zu sein. Doch ist ein Gesetz, dass nicht gerecht ist, überhaupt ein Gesetz? Wenn es nach Mr. Incredible (und Thomas von Aquin) gehen würde, nicht. Muss man es dann noch einhalten? Ein Dasein als Vigilant möchte Mutter Elastigirl zum Schutz der Kinder vermeiden, denn nur das Befolgen des Gesetzes schafft Frieden. Doch Winston und Evelyn Deavor weisen auf einen dritten Weg ganz nach Henry Thoreau hin: Ziviler Ungehorsam. Statt, wie im ersten Teil, insgeheim Gutes zu tun, muss man die Welt öffentlich zu ihrem Glück zwingen und ihr zeigen, was Gerechtigkeit ist. Nur so kann ein ungerechtes Gesetz bekämpft werden. Glücklicherweise besitzen die Deavors den nötigen medialen Einfluss, um die öffentliche Meinung in die richtige Richtung zu stupsen.

Die emanzipierte Mutter

Dass Helen Parr nicht dem „klassischen“ Bild der Mutter entspricht, hat sie bereits 2004 unter Beweis gestellt. Elastigirl emanzipiert sich nicht nur dadurch, dass sie und nicht ihr Ehemann zum Vorzeigesuperhelden wird. Stattdessen zeigt sie, dass es nicht nur Privileg ihrer männlichen Kollegen ist, fehlbar zu sein. Anstatt wie Wonder Woman (2017) oder Black Widow in Avengers (2012) ein Bild der perfekten und dadurch unnahbaren Frau auf die Leinwand zu bringen, macht auch sie Fehler. Realistisch unvollkommen, wie sie ist, kennt Helen nicht immer den richtigen Weg. Sie ist Mutter und fehlbar; aber dadurch nicht weniger eine Superheldin erster Klasse.

Der emanzipierte Vater

Meine Frau ist da draußen und ich „nur“ hier drinnen. Ich war einmal ein Superheld und jetzt bin ich „nur“ Vater. Ein „nur“, dass durch Die Unglaublichen 2 aus der Gleichung genommen wird. Bobs Handlungsstrang spiegelt die literarische Heldenreise wider. Diesmal sind die Mise-en-Scène jedoch keine tödlichen Roboter und entfernte Explosionen, sondern Mathehausaufgaben, süße Jungs und Kekse. Die Bequemlichkeit eines schönen Zuhauses täuscht jedoch und erweist sich teilweise nicht weniger tödlich. Jeden Schritt, den er gemacht hat, um Superheld zu werden, wiederholt er, um Supervater sein zu können. Bob braucht auch hier seine Heldenreise, um zu überleben.

God of War (PS4), The Last of Us, Daddy ohne Plan und zahlreiche andere Titel der nahen Vergangenheit zeigen, dass Michelangelos David nicht das einzige Vorbild sein kann. Mit Hammer und Meißel kreieren die Meister bei Pixar nun eine Statue des heldenhaften Mannes mit Kindern an den Beinen. Sich um die eigene Familie kümmern macht einen Helden nicht weniger Super.

Bao

Pixar lässt vor dem eigentlichen Film durch seine sogenannten Shorts gerne nochmal die Muskeln spielen. Und was für eindrucksvolle Muskeln das sein können, zeigt dieses Jahr Bao, der erste Pixar Short unter Regie einer Frau (Domee Shi).
Tradition ist dabei, dass die Kurzgeschichten auf Dialoge verzichten und nur visuell und musikalisch Stimmung erzeugen. Tradition ist auch, dass einem dabei das Herz gebrochen wird. Nachdem Pixar bereits die Fragen geklärt hat, was wäre, wenn Spielzeuge/ Ratten/Autos/Gefühle/Schotten Gefühle hätten, wird nun durch Bao geklärt: Was wäre, wenn Teigtaschen Gefühle hätten? Bao hat das berühmte „Leere Nest“ zum Thema und durch eine ältere Frau und ihre Teigtasche visuell eindrucksvoll dargestellt. Der chinesische Schauplatz der Kurzgeschichte wird dabei nicht thematisiert und spielt auch keine Rolle. Wieso auch? Das leere Nest verbindet Eltern aller Kulturen und kann immer nur gleich gelöst werden: Durch Zuneigung der Teigtaschen weltweit.

Fazit

Und

Dominante Trompeten in der Filmmusik zeigten auch schon 2004, dass Die Unglaublichen eine Hommage an die Spionagefilme und Comics der 60er Jahre ist. Auch in Die Unglaublichen 2 werden die nostalgischen Bläser beibehalten und darüber hinaus durch eine comicbuchanmutendere Animation unterstützt. Retro-Chic heißt das Stichwort und lässt einen vergessen, dass wir uns in einem Zeitalter befinden, in dem Superheldenfilme omnipräsent zu sein scheinen. Leider fühlt sich der Film selbst für einen Actionfilm ein wenig zu schnell an. Dies liegt nicht zuletzt an einer Fülle an Themen sowie Charakteren, die in nur 118 Minuten untergebracht werden musste. Dennoch ist Die Unglaublichen 2 sowohl lang erwartete Fortsetzung eines brillanten Originals als auch unabhängig stehende Festschrift an eine Zeit, in der Superhelden noch nicht allgegenwärtig über unsere Leinwände rannten. Sehenswert ist der Film allemal nicht nur für Kinder.

 

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